Gravierende Mahnmale – vier Jahre Kooperation mit EXIT

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10.Sep 2015 • Allgemein, Wissenswertes • 0 Kommentare

Gravierende Mahnmale – vier Jahre Kooperation mit EXIT

Seit über vier Jahren kooperiert tattoolos mit EXIT-Deutschland. Die weltweit erfolgreichste Deradikalisierungsinitiative hat bereits über 500 Personen, mehr Männer als Frauen, beim Ausstieg aus dem Rechtsextremismus geholfen. „Ein wichtiger Schritt für Ausstiegswillige ist neben der mentalen Aufarbeitung ihrer politischen Haltung, sich von strafbaren Tätowierungen zu trennen“, erklärt Christian Ernst Weißgerber, selbst Neonazi-Aussteiger.

Sichtbarer biografischer Konflikt

Fallbetreuer Fabian Wichmann beobachtet verschiedene Muster: „Einige Neonazis betrachten ihre Tätowierungen als Symbole politischer Zugewandtheit, die Sinn und Halt geben sollen.“ Das können Ahnenreihen im Brust- oder Schulterbereich, aber auch Wikinger, Wehrmachtssoldaten oder Bezüge zu Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess sein. Die meisten Tattoos entstanden im Freundeskreis. „Aber die Bandbreite von Hinterhof bis Profi ist groß.“ Obwohl verfassungsfeindliche Symbole meist für Irritationen sorgen, wollen sich wenige Aussteiger lebenslang erinnern. „Sie verstehen das Hakenkreuz als gravierendes Mahnmal.“ Dabei wurden Tätowierungen im Deutschen Reich als undeutsch angesehen und waren daher verpönt. Beim Blick in den Spiegel werden Klienten so immer wieder mit ihrer alten Identität konfrontiert. Ein sichtbarer biografischer Konflikt.

Eigeninitiative erwünscht

Die Gründe, sich von tätowierten Relikten zu trennen, sind vielfältig. „Bedingung für den Ausstieg aus der rechtsextremen Szene sind sie nicht“, sagt Fabian Wichmann. Manche Aussteiger entscheiden sich für Cover-ups, andere trennen sich komplett von Tätowierungen. Sie wissen, dass Personen auch nach einem Identitätswechsel anhand ihrer Tattoos identifiziert werden können. Tattooentfernungen werden grundsätzlich aus eigener Tasche bezahlt. Das EXIT-Team hat nach entsprechenden Anfragen diskutiert, inwiefern der Steuerzahler für diese Sünden verantwortlich gemacht werden kann. „Wir sind uns einig, dass Eigeninitiative erbracht werden muss. Damit wird ein Ausstiegswille glaubhaft. Wir erwarten eine kritische Reflexion.“

Marschieren und spendieren

Viele Aussteiger können die oft kostenintensive Entfernung allerdings nicht selbst tragen. Bereits zweimal fand deshalb „Rechts gegen Rechts“, der unfreiwilligste Spendenlauf Deutschlands, statt. Zuletzt am 1. August 2015 in Bad Nenndorf. Die Idee: Wenn man Neonazis schon nicht vom Demonstrieren auf der Straße abhalten kann, sollen sie wenigstens für etwas Sinnvolles laufen, zum Beispiel gegen sich selbst. Für jede Minute unerwünschter Aufenthaltszeit im niedersächsischen Bad Nenndorf spendeten Bürger und Unternehmen zehn Euro für die Entfernung von rechtsextremen Tattoos. Pro Minute kann ein Quadratzentimeter Cover Up ermöglicht werden.

tattoolos meint: Jeder verdient eine zweite Chance

In puncto Tattooentfernung kooperieren bundesweit fünf, sechs Studios mit EXIT. „Nicht alle wollen das öffentlich machen“, sagt Fabian Wichmann. tattoolos betreut jährlich durchschnittlich drei Aussteiger aus der Neonazi-Szene. „Ein sehr geringer Anteil in unserem multikulturellen Kundenstamm“, sagt Geschäftsführer Markus Lühr. Behandelt werden sie wie alle anderen Kunden auch. Nur wenige sprechen offen über ihr Anliegen. „Wir bewerten weder das Verhalten unserer Kunden noch ihre Tattoos. Mit EXIT arbeiten wir zusammen, weil Jeder eine zweite Chance verdient. Wir sind überzeugt davon, dass jeder Nazi, der der Szene den Rücken kehrt, Unterstützung verdient.“

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