Für immer ist relativ

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Berliner Morgenpost I Sonntag, 27. November 2011 02:42  – Von Eva Lindner

Ob US-Stars wie Angelina Jolie, Rihanna oder Tommy Lee oder deutsche Prominenz wie Schauspielerin Franka Potente oder Präsidentengattin Bettina Wulff – sie alle tragen Tattoos. Soeben sorgte Moderatorin Dunja Hayali wieder für Aufsehen, als sie in einem Abendkleid auf dem Bundespresseball erschien und ihre großflächigen schwarzen Motive auf Armen und Rücken in die Kameras hielt.

In allen sozialen Schichten, bei Frauen und Männern, auf allen erdenklichen Körperstellen sind Tätowierungen angesagter als je zuvor. Jeder vierte Deutsche zwischen 25 und 34 Jahren legt sich unter die Nadel.

Eigentlich soll der Körperschmuck für immer bleiben. Eigentlich soll die Kunst schöner machen. Mit Farbe wurde sie unter die Haut gestochen, um auf ewig an die große Liebe, das Motto des Lebens oder eine Leidenschaft zu erinnern. Aber manchmal verändert sich das Leben. Dann trägt ein Tattoo wie ein unverrückbares Mahnmal die persönliche Vergangenheit zur Schau. Erbarmungslos erinnert es bei jedem Blick in den Spiegel an eine längst vergangene Zeit. Dann soll der Name von Marc von der Brust, damit Ralf dort gebührend Platz findet. Der blaue Delfin aus den 90er-Jahren ist peinlich statt cool, die falschen Augenbrauen verfärben sich grün und auf dem Rücken des Hobbyanglers, den ursprünglich eine filigrane Forelle zieren sollte, prangt ein dicker Karpfen.

KÖRPERSCHMUCK ALS SUCHT

Ähnlich ist es bei Timo Konbele*. Er war 16 Jahre alt, als er Lust bekam, sich Tattoos stechen zu lassen. Seitdem prangt “1 Life” in großen Lettern auf seinem rechten Unterarm, “2 Live” auf seinem linken. Ein gutes Motto, um jeden Augenblick des Lebens wertzuschätzen, dachte sich Konbele damals, aber mehr auch nicht. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Motive dazu, teils von professionellen Tätowierern gestochen, teils von Freunden. Die fanden seine vielen Tattoos cool, Konbele stach aus der Gruppe Jugendlicher heraus. Der Körperschmuck wird zur Sucht. Doch die Abgrenzung sollte nur eine Phase in seinem Leben sein.

Auf der Innenseite des rechten Unterarms sind die Umrisse des afrikanischen Kontinents in seine Haut gestochen, “weil mein Vater aus Afrika kommt.” Oberhalb des linken Unterarmes steht der Name seiner Mutter. Nun, zehn Jahre später, gefallen ihm die Tattoos nicht mehr. “Ich weiß ja, wo mein Vater herkommt und wie meine Mutter heißt, das brauch ich ja nicht auf meinem Arm stehen zu haben”, sagt Konbele. Es nervt ihn, ständig auf die schwarzen Linien angesprochen zu werden. Wer ein sichtbares Tattoo hat, muss dauernd Rechenschaft ablegen. Warum hast du es dir stechen lassen? Was bedeutet dir das Tattoo? Wie soll man auf diese Fragen reagieren, wenn man die Antworten selbst nicht kennt. Also muss verschwinden, was einst für ewig sein sollte.

Artikel Berliner Morgenpost 28.11.2011

Manuela Käfer, Mitarbeiterin bei “tattoolos”, einem Studio für Tattooentfernungen, zückt den Laser. An einem beweglichen Arm hängt der Löschstift für Jugendsünden. Wenn Käfer den Laser ansetzt, knattert es leise, wie eine Bohrmaschine, die Nachbarn drei Stockwerke entfernt an die Wand ansetzen. Ein roter Punkt gleitet über Konbeles Haut und sprüht Funken wie eine Wunderkerze. Langsam fährt der Laser die afrikanische Ostküste auf seinem Arm ab. Konbele reibt die Lippen fest aufeinander. Ein Tattoo zu entfernen, ist genauso schmerzhaft, wie es stechen zu lassen. Kurz vor den Grenzen Angolas macht Käfer Pause und kühlt Konbeles Arm mit Eisbeuteln.

Alle sechs Wochen kommt der 26-Jährige zur Behandlung. Sechs bis acht Sitzungen sind notwendig. Der Preis für die Entfernung wird nach Größe, Form und Farbe berechnet. Die Entfernung der Tätowierung kostet rund das Zehnfache des Stechpreises. Je nach Motiv kann die komplette Entfernung einer Tätowierung zwischen 500 und 3000 Euro kosten. Konbele hat eine Flatrate gebucht. Bis die Farbe auf seinen Armen endgültig verblaßt ist, werden eineinhalb Jahre vergehen. Soviel Zeit bringen nicht alle Kunden mit. Wenn die neue Partnerin nicht zufällig heißt wie die Ex, dann kommt schon mal ein Pärchen in den Laden gestürmt: “Die Susanne auf der Wade muss sofort weg.” “Sofort” kennt Manuela Käfer nicht. Die Vergangenheit verschwinden zu lassen, braucht Zeit. Mit dem Laser erhitzt Käfer die Farbpartikel in der zweiten Hautschicht, der Dermis, auf mehrere Hundert Grad Celsius, so dass sie zerspringen. Das Lymphsystem muss das erst mal verarbeiten. Nach der Behandlung ist die Haut geschwollen und gereizt. Maximal 100 Quadratzentimeter werden auf einmal behandelt. Wer also eine Wette verloren hat und deshalb nach einer Party mit einem pinkfarbenen Kussmund auf der Pobacke ins Studio kommt, hat schlechte Karten, den Abend schnell vergessen zu machen. Drei bis sechs Monate müssen vergehen, bis das frische Tattoo so ausgeheilt ist, dass der Laser ran darf. Farbige Tattoos sind schwieriger zu entfernen als schwarze.

Rund jeder zweite will sein Tattoo nach etwa zehn Jahren wieder los werden. Viele Bilder sind unprofessionell gestochen und über die Jahre verzerrt. Denn nicht nur im Gefängnis greifen selbsternannte Tätowierer zur Nadel und stechen Meerjungfrauen und Anker mit Kugelschreibertinte in Arme, Beine und Rücken. Käfer hat schon alles gesehen: Tätowierungen, halb Narbe, halb Farbkleckse aus Autolack oder verflüssigten Schuhsohlen, unfreiwillige Schmutztattoos von Stürzen auf der Aschebahn oder Unfällen mit Feuerwerkskörpern. Erst seit 2009 gibt es eine Tätowiermittel-Verordnung, die regelt, welche Farbmischungen unter die Haut gehen dürfen und welche nicht.

Aber auch wer das Kunstwerk loswerden will, kommt auf ungesunde Ideen. Bei Ebay kann sich jeder einen Laser bestellen. Diese Geräte verursachen aber nicht selten Infektionen oder hinterlassen Narben. Manch Hartgesottener soll es schon mit Schleifpapier und Salz versucht haben. Viele von Käfers Kunden müssen ihre Tätowierungen loswerden, um beruflich erfolgreich zu sein. Polizisten und Bundeswehrsoldaten dürfen keine Tattoos auf den Armen unterhalb der T-Shirt-Grenze aufweisen. Auch Anwälten oder Flugbegleiterinnen hat Käfer schon Bilder weggelasert. Bei Arbeitslosen übernimmt die Entfernung in Einzelfällen sogar das Jobcenter, wenn durch ein Tattoo auf Hals, Händen oder im Gesicht eine Vermittlung erschwert ist. Einmal, erinnert sich Käfer, habe sie einem jungen, blonden Mann ein Tattoo aus dem Gesicht entfernt. Er trug um das Auge dasselbe afrikanische Tribal, wie Mike Tyson. Jede Sitzung dauerte eine Stunde, statt wie üblich 15 Minuten. Laser, kühlen, Laser, kühlen. Anders hätte der Mann den Schmerz nicht ertragen.

80 PROZENT DER KUNDEN SIND FRAUEN

Meist aber muss das Tattoo weg, weil es nur peinlich ist: Die Geheimratsecken, die mit Farbe gefüllt wurden, das rote Teufelchen oder das Steißbeintattoo, besser bekannt als Arschgeweih, das sein Hoch in den 90er-Jahren erlebte, oder Permanent Make-up. Schließlich will heute keiner mehr aussehen wie Daniela Katzenberger, die ihre falschen Augenbrauen mitten auf der Stirn spazieren trug. 80 Prozent der Kunden bei “tattoolos” seien Frauen. Auch Mädchen, deren Väter sie zur Ehe zwingen wollten und ihnen den Namen des Zukünftigen eintätowierten, hat Käfer schon befreit. In solchen Fällen übernehmen Krankenkassen die Kosten.

Nur eines hat Käfer bisher nicht gemacht: Ein Intimtattoo entfernt. Wer den Schmerz beim Stechen einmal ertragen habe, sagt sie, der wolle etwas ähnliches nie mehr erfahren.

*Name geändert

Quelle: Berliner Morgenpost
Text: Eva Lindner

1 Kommentar

  1. NaseHase sagt:

    ich finde den Artikel echt gut. Immer wieder liest man von Stars und Sternchen, die sich ihre Tätowierungen entfernen lassen. Aktuell z.B. Eva Longoria. Ein Tattoo ist eben doch nicht für die Ewigkeit.

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